Erwin Carigiet, Zürich
A Engagement, Ehrenämter, Beratung
 

Seit dem Abschluss meines Studiums beschäftigen mich rechts- und sozialpolitische Fragen. 2001 habe ich meine Haltungen, Werte und Einschätzungen zur sozialen Sicherheit, zum Sozial- und Gesundheitswesen in der Monographie „Gesellschaftliche Solidarität – Prinzipien, Perspektiven und Weiterentwicklung der sozialen Sicherheit“ festgehalten. Alain Griffel, Professor an der Universität Zürich, hat seine Rezension dazu wie folgt auf den Punkt gebracht:

"Carigiets Buch ist – obwohl von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich als Dissertation abgenommen – nicht etwa ein Erstlingswerk, sondern eine ausgereifte Arbeit, die von der profunden Vertrautheit des Autors mit der Materie und seinem hohen, ja geradezu leidenschaftlichen sozialen Engagement zeugt. Es handelt sich um ein rechtspolitisch ausgerichtetes, dogmatisch allerdings klar abgestütztes Werk, welches die grundlegenden Probleme des heutigen Sozialstaates aufgreift. Carigiet hält uns – ohne je doktrinär oder fundamentalistisch zu werden - schonungslos Mechanismen sozialer Ungerechtigkeit vor Augen, an die wir uns so bequem gewöhnt haben. Seine Standpunkte sind stets wohl begründet und widerspiegeln seine gefestigte Haltung in Bezug auf die behandelten Fragen. Dadurch bleibt die Arbeit trotz ihres Facettenreichtums kohärent; sie entwickelt sich sozusagen entlang eines starken roten Fadens. 

Das anregend zu lesende Buch enthält nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zahlreiche pointierte Aussagen, von denen hier abschliessend einige wiedergegeben seien: «Die Frage der Kosten der sozialen Sicherheit hat ihr Pendant in der Frage nach den Kosten der sozialen Unsicherheit» (S. 27). «Eine Gesellschaft wird zu Recht daran gemessen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht» (S. 166). «Der demokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozess garantiert nicht eo ipso eine gebührende Berücksichtigung sozialer Aspekte und Bedürfnisse» (S. 224). «Die unkritische Übernahme ökonomischer Argumente, welche unter dem Deckmantel einer exakten Wissenschaft daherkommen, ist zu einem wesentlichen Element der aktuellen Tagespolitik geworden» (S. 227). Es ist zu hoffen, dass die Denkanstösse von Carigiet möglichst breit und möglichst tief in die aktuelle Tagespolitik einfliessen."

Als Praktiker habe ich seit 1982 im Service public der Stadt Zürich und in diversen ehrenamtlichen Engagements diese Haltungen und Werte, soweit es in meinen Kräften lag, umgesetzt. Von meinen ausserberuflichen Engagements erwähne ich die Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung für Sozialpolitik (SVSP) von 1996 bis 2011, wovon 2001 bis 2007 als Präsident, als Vorstandsmitglied des Verbands Zürcher Krankenhäuser (VZK) von 2008 bis 2017 und als Präsident der Kongresskommission der Schweizer Spitäler (H+) von 2012 bis 2017. Für H+ habe ich mit der Kongresskommission die letzten vier, alle zwei Jahre stattfindenden grossen Kongresse organisiert, die letzten drei als Präsident der Kommission. Der letzte Kongress fand im November 2017 in Bern statt.
 
 

B Vorträge

(Auswahl)

1. Grundsatzfragen der sozialen Sicherheit
 
Sozialstaat 2020, Präsentation (pdf 0,114 MB)      
 

Im Rahmen der Abschlussveranstaltung des CAS Wirtschafts- und Sozialpolitik 2010 an der Hochschule Luzern, Wirtschaft habe ich am 3. Juli 2010 an einer Podiumsdiskussion zum Sozialstaat im Jahr 2020 teilgenommen. Die weiteren Podiumsteilnehmenden waren Dr. phil. Katja Gentinetta, Stellvertretende Direktorin Avenir Suisse, lic. phil. Ruedi Meier, Stadtrat Luzern, Präsident der Städteinitiative Sozialpolitik und Prof. Dr. iur. Roland A. Müller, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, Ressortleiter Sozialpolitik.

Die Wohlstandsverteilung als entscheidende Frage
Wirtschaftliches Wachstum und der Sozialstaat haben in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg in der Schweiz zu einer Ausbreitung des Wohlstandes und zur Lösung von wesentlichen Fragen der materiellen Existenz beigetragen. Nie zuvor in der Geschichte konnten alle Schichten der Gesellschaft von einem derart hohen materiellen Lebensniveau profitieren.

Die alte Regel des Wohlfahrtsstaates, wonach es allen immer besser geht, gilt nun aber seit Anfang der Neunzigerjahre nicht mehr. Der Sozialstaat konnte und kann seither nicht mehr verhindern, dass
• der Abstand zwischen Reich und Arm „unaufhaltsam“ wächst,
• ein wachsender Anteil der Bevölkerung ständig von Armut bedroht ist (Frage der Prekarität) und
• der Mittelstand sich neu zusehends der Vorhersehbarkeit und Sicherheit seiner materiellen Existenz beraubt sieht.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten haben sich stark verändert und dieser Prozess geht trotz aktueller Hochkonjunktur weiter. Er bewirkt im Resultat schleichend eine Zweiteilung der Gesellschaft. Reichtum und Armut werden weitervererbt: Es kann von einer "Feudalisierung der Gesellschaft" gesprochen werden (Hans Kissling, Reichtum ohne Leistung, Die Feudalisierung der Schweiz, Zürich 2008). Die Wahrnehmung und die Bewältigung dieser Veränderungen erfolgt nur verzögert.

Die Frage der Wohlstandsverteilung, also die Frage, wie die Früchte des wirtschaftlichen Erfolgs verteilt werden, wird in den letzten Jahren zunehmend mit dem Verweis auf die „Logik des Marktes“ in den Hintergrund gedrängt und der Vorgang des Umverteilens in der aktuellen öffentlichen Debatte oft einseitig als „Weg-Nehmen“ dargestellt. Die Begriffe „Verteilung/Umverteilung“ sind zu eigentlich tabuisierten Unwörtern geworden. Wer sie verwendet, wird, da angeblich des ökonomischen Sachverstandes entbehrend, nicht mehr ernst genommen. Es ist eine Ökonomisierung des Denkens zu beobachten.

Die klassische Frage des Sozialstaats:
• Wer bekommt was, wie und warum – und auf welche Weise wird es finanziert?

wird zunehmend
• im Lichte von Leistung und Vorleistung oder
• in der Polarisierung, z.B. von Invaliden und Scheininvaliden oder von „echten“ und „unechten“ Armen diskutiert.

Die in diesem Zusammenhang oft zitierte Leistung hat jedenfalls nicht allein mit Verdienst, sondern oft ebenso mit Macht zu tun. Verdrängt die Ökonomisierung des Denkens die Frage der Macht? Macht wird als Möglichkeit verstanden, sich Einfluss und Mittel zu verschaffen und zu behalten: In der Gesellschaft. Im Arbeitsmarkt. Leistungsfähigkeit im ökonomischen Sinne als einzigen Maßstab für die Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen hinzuzuziehen, überzeugt nicht. Macht findet ihr Gegenstück in der Ohnmacht: Was an Ohnmacht und Demütigung verursachen wir z.B. bei jenen, die der Arbeitsmarkt „nicht will“? Bei den Jungen, den Menschen aus anderen Kulturkreisen und den älteren Arbeitnehmenden?

Aus meiner Sicht ist Sozialpolitik eine umfassende Strategie zur Teilhabe an der Gesellschaft und nicht allein zur Bewältigung existenzieller Probleme. Die Gewährleistung von Sicherheit gegenüber den Wechselfällen des Lebens ist wichtig, aber nicht das allein Wichtigste. Ebenbürtige Ziele des Sozialstaates sind die Hebung und möglichst gleichmässige Ausbreitung des Wohlstandes. Dabei geht es eben um die Teilhabe möglichst vieler Menschen daran. Dies entspricht dem Grundpostulat nach gesellschaftlicher Gleichheit. Die égalité behält nebst der liberté und der fraternité (letztere am ehesten mit gesellschaftlicher Solidarität zu umschreiben) ihre Bedeutung!

     
         
Ergänzungsleistungen für Familien: Wunschdenken oder Notwendigkeit?
Einleitung: Ergänzungsleistungen zur AHV/IV - Ziele, Kernmechanik, wirtschaftliche Bedeutung, Perspektiven (Präsentationsfolien (ppt 0,7 MB)
     
 

Seit Mitte der 1990er-Jahre stehen Ergänzungsleistungen für einkommensschwache
Familien auf der sozial- und familienpolitischen Agenda der Schweiz. Die Idee der Familien-EL geht auf den Kanton Tessin zurück, der damit seit 1997 das Problem der Familienarmut entschärfen kann. Seit 1995 setze ich mich in meinen Publikationen mit dieser Frage auseinander und für diese Leistungen ein.

Am 27. April 2010 habe ich an einer Veranstaltung der Hochschule Luzern, des Luzerner Forums für Sozialversicherungen und soziale Sicherheit und der Schweizerischen Vereinigung für Sozialpolitik das Wichtigste zu den EL zur AHV/IV zusammengefasst (beinahe im Sinne eines Repetitoriums für den eiligen Menschen...).

Flyer der Veranstaltung (pdf 1,33 MB)

     
         
Neue Modelle und Grunderfordernisse sozialer Sicherheit (Präsentationsfolien, pdf 1 MB)      
  Meinen Ausführungen am Caritas-Forum "Selber Schuld – Eigenverantwortung im Sozialstaat" vom 26. Januar 2007 in Bern gab ich den Untertitel "Riskante Freiheiten und soziale Sicherheit: Heutige Armutsrisiken im Spannungsfeld zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung".
Die Berichterstattung der NZZ vom 27. Januar 2007 zieht eine Bilanz der Veranstaltung (pdf 0,06 MB).

     
         
 
2. Gesundheitswesen und Altersfragen
 
Integrierte Behandlungsnetze: die Rolle des Akutspitals      
 

Am H+ Kongress vom 3. November 2011 im Bellevue Palace, Bern mit dem Thema "Integrierte Behandlungsnetze: Kooperation und Konkurrenz" habe ich mich zur Rolle der Spitäler in der Integrierten Versorgung geäussert:

Präsentation 3. November 2011 (pdf 2,2 MB)

Beitrag dazu in der Zeitschrift Care Management 2011 Nr. 6, S. 32 f.

 

     
Von parallelen Realitäten - kommunikative und kulturelle Herausforderungen für die Integrierte Versorgung      
 

Am 2. Kölner Symposium zur Integrierten Versorgung an der Hochschule Fresenius vom
6./7. April 2011 habe ich die Key Note gehalten. Dabei habe ich die Bedeutung der Kommunikation und der Wahrnehmung der unterschiedlichen Realitäten der verschiedenen Akteure skizziert.

Zusammenfassung der Key Note

     
Vom Hippokrateseid zur institutionalisierten Gesundheitsversorgung
Herausforderungen des Gesundheitswesens unter besonderer Berücksichtigung der Spitäler
     
 

In diesem Referat vom 6. Mai 2010 an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit widme ich mich gesundheitsökonomischen Aspekten zur Steuerung des Gesundheitswesens. Dabei geht es letzten Endes um die Frage der "guten Verteilung" der Ressourcen, mithin um die Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Präsentation 6. Mai 2010 (pdf 7,8 MB)

     
         
Oszillierende Organisationen – kommunikative und kulturelle Herausforderungen für das Gesundheitswesen      
 

Im 8. Zürcher Geriatrieforum Waid "Kommunikation im medizinischen Alltag: Kunst oder Handwerk?", das wiederum von Daniel Grob und mir konzipiert worden ist und am 3. Juli 2008 in Zürich stattgefunden hat, haben Persönlichkeiten aus Praxis und Wissenschaft wichtige Aspekte der Kommunikation im Gesundheitswesen erörtert.

Auf der menschlichen Alltagsebene definiert Kommunikation (abgeleitet vom lateinischen
„communicare“: teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen) ein
gemeinschaftliches Handeln, in dem Gedanken, Ideen, Wissen, Erkenntnisse, Erlebnisse
(mit)geteilt werden und auch neu entstehen. Im weitesten Sinne wird darunter auch das
wechselseitige Übermitteln von Daten oder Signalen verstanden. In den technischen
Disziplinen wird Kommunikation zumeist als eine Verbindung von Geräten betrachtet, deren Zustände sich infolge dieser Verbindung wechselseitig verändern.

Kommunikation hat damit zwei Gesichter: Einerseits geht es um die Interaktion zwischen
einzelnen Menschen, andererseits um das Funktionieren eines irgendwie organisierten
Systems. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden. Je komplexer und filigraner ein System ist, desto höhere Anforderungen stellt es an die Kommunikation.

In meinen Ausführungen bin ich auf die systemische Bedeutung der Kommunikation in unserem Gesundheitssystem eingegangen.

Abstract 3. Juli 2008(pdf 0,02 MB)
Präsentation 3. Juli 2008 (pdf 5 MB)
Tagungsdokumentation 3. Juli 2008 (0,6 MB)

     
         
Gesundheitspolitische Perspektiven: Gesundheitsnetz 2025 der Stadt Zürich      
 

Seit der Lancierung im Juli 2007 habe ich mich bei verschiedenen Gelegenheiten im In- und Ausland in Vorträgen und Diskussionsrunden zum Gesundheitsnetz 2025 der Stadt Zürich (GN 2025) geäussert. Ich fasse wichtige Aspekte kurz wie folgt zusammen.

Der Prozess GN 2025 ist vom Gesundheits- und Umweltdepartement der Stadt Zürich mit dem Ziel initiiert worden, das Gesundheitswesen der ganzen Stadt langfristig und nachhaltig in Richtung einer integrierten Versorgung weiterzuentwickeln. Mit einer besseren Vernetzung der Leistungserbringer, mit neuen Zusammenarbeitsformen und neuen innovativen Angeboten soll eine explizit patientinnenorientierte Grundversorgung aufgebaut werden. Gefragt sind Angebotsformen, die hohe Versorgungsqualität mit Kostenbewusstsein vereinen.

Im Gesundheitsnetz 2025 soll Wandel von innen heraus, durch im Arbeitsalltag verankerte Pilotprojekte ermöglicht werden. Neue Erfahrungen und Erkenntnisse werden bei Erfolg Standards setzen.

Wie gelingt ein solches Unterfangen in einem komplexen und von unterschiedlichen Interes­sen geprägten Umfeld? Wie gelingt es einer städtischen Verwaltung die eigenen und die externen Akteure zu motivieren, neue Zusammenarbeitsformen zu erproben? Wann sind Netzwerke leistungsfähig? Wie kann ein offener, von Eigeninteressen geprägter Prozess gelenkt werden? Und wie kann neben der konkreten Arbeit in den einzelnen Projekten die Gesamtsicht beibehalten werden?

Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbau eines Netzwerks sind

  • das Erkennen von gemeinsamen Interessenlagen,
  • die Fähigkeit, sich berufsgruppen- und institutionenübergreifend auf fremde Interessenlagen einzulassen (und damit auch die Leitcodes der Beteiligten anzuerkennen)
  • die Gelassenheit, Unterschiede zwischen den Netzpartnerinnen dauerhaft auszuhalten.

Vertrauensbildend wirkt

  • die Einigung auf eine gemeinsame Realitätssicht,
  • die gemeinsame Definition von Zielen und
  • eine wissenschaftliche Begleitung.

Der angestrebte Wandel wird somit auch zu einer Frage gelingender Kommunikation. Bedeutsam sind

  • das Schaffen von „Räumen“, welche die Kommunikation zwischen „oben und unten“ und „innen und aussen“ ermöglichen (entsprechend den unterschiedlichen Prinzipien „Hierarchie“, „Projekt“ und „Netzwerk“) und
  • eine periodische Selbstreflexion des Prozesses, der Methodik und der Ziele.

Ich stelle hier die Präsentation zur Verfügung, die meine Ausführungen an der Internationalen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung: Erfahrungen in der Integrationsversorgung, Beispiele und Perspektiven aus der Schweiz, der Türkei und Deutschland, organisiert von der Gesellschaft für sozialen Fortschritt e.V. und der Schweizerischen Vereinigung für Sozialpolitik (SVSP) am 10. April 2008 in Berlin, unterstützt hat:

Präsentation 10. April 2008 (pdf 5 MB)

Einen konzisen Überblick zum GN 2025 vermittelt die vom Gesundheits- und Umweltdepartement herausgegebene Broschüre, eine Lagebeurteilung aus wissenschaftlicher Sicht findet sich im Beitrag Prof. Frank Schulz-Nieswandts vom 3. Juli 2007:

Broschüre Gesundheitsnetz 2025 (pdf 0,34 MB)

Beitrag F. Schulz-Nieswandt Gesundheitsnetz 2025: Innovation in der Gesundheitsversorgung in Zürich (pdf 0,166 MB)

     
         
Die Geriatrie zwischen Gesundheits- und Sozialpolitik (Abstract, pdf 0,01 MB)      
 

Meine Ausführungen am 9. Wiener Internationalen / 15. Deutschen / 47. Österreichischen / 2. Gemeinsamen Österreichisch-Deutschen Geriatriekongress vom 9. – 12. Mai 2007 in Wien zeigen auf, wie die Geriatrie im politischen Fadenkreuz steht.

Die Gleichung alt = arm gilt heute in der Schweiz nicht mehr wie noch bis anfangs der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Alter bedeutet kaum mehr finanzielle Abhängigkeit von der Sozialhilfe oder von Verwandten – dank der Ausbreitung des Wohlstands, aber auch dank des Sozialstaats, also dank der Altersvorsorge, der sozialen Krankenversicherung sowie einer ausgebauten öffentlichen Gesundheits- und Heimversorgung. Die Beseitigung der Altersarmut ist eine der Errungenschaften der Sozialpolitik.

Die Alterung der Gesellschaft und damit auch die Geriatrie werden seit einiger Zeit heftig diskutiert: Im Fokus stehen dabei die Kosten für die Altersvorsorge und das Gesundheitswesen. Es wird behauptet, die alten Menschen seien für den Rest der Gesellschaft, also für die Jungen und Erwerbstätigen, „finanziell nicht mehr tragbar“. Die Gleichung alt = arm wird durch die Gleichung alt = krank und teuer ersetzt.

Im Referat wird erklärt, weshalb weniger die Entwicklungsdynamik der Medizin, sondern der gesundheits- und sozialpolitische Wille die Geriatrieentwicklung fördert und bestimmt: Die Hinfälligkeit des alten Menschen anzunehmen, ihn solidarisch mitzutragen wird dabei als eine wichtige Aufgabe der Gemeinschaft verstanden, der Kampf gegen das Alter als ein Kampf gegen sich selber.

     
  Präsentation 10. Mai 2007 (pdf 2,3 MB)      
 
 
3. Führung von Experten- und Fachorganisationen
 
 

Führung bedeutet, mit Entscheidungen den Wandel zu gestalten, dabei gleichzeitig den Mitarbeitenden Stabilität zu vermitteln und Brücken in neue Freiräume zu ermöglichen. Führung in Expertenorganisationen bedingt, dass die Expertinnen und Experten in die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung einbezogen werden, denn jede/r ist in seinem/ihrem Bereich Experte/in. Dialog ist dabei in allen Führungszusammenhängen von entscheidender Bedeutung: Besonderes Augenmerk verdienen dabei die Führungsstufen n-3/n-4. Sie dürfen nicht aus dem Auge gelassen werden, denn hier sind angesichts der relativen Ferne zu Entscheidungen auf den Stufen n/n-1 besondere Übersetzungsleistungen gefragt. 

Worin unterscheidet sich die Führung von und in Expertenorganisationen von der übrigen Führung? 

Führungskräfte in Unternehmen können bei Entscheidungen meist das Gewinnkriterium als Stop-and-go-Regel nehmen und so ihre Entscheidung relativ widerspruchsfrei kommunizieren. Es ist ein anerkanntes Kriterium, das als Begründung akzeptiert wird, und Menschen sind mit dieser Akzeptanz leichter bereit, ihr Verhalten mit hierauf basierender Entscheidung zu koordinieren oder abzustimmen. Hier liegt ein ganz wichtiger Unterschied zu einem Spital, einer Hochschule, einer Universität: Das Gewinnkriterium ist hier nicht relevant. Oder meist nicht in gleichem Ausmass. Mit anderen Worten: Es wird als Begründung von den Expertinnen und Experten – aber auch von der Gesellschaft – nicht (oder nicht ohne weiteres) akzeptiert. Damit fällt es als Stop-and-go-Regel aus. 

Dies sei am Beispiel des Spitals erläutert: Eine Stop-and-go-Regel in einem Spital muss aus der Fachlichkeit kommen - aus dem Zweck, medizinisch notwenige Leistungen zu erbringen. Aus medizinischer Sicht „Unsinniges“ wird nicht gemacht, auch wenn es Geld bringt - medizinisch Notwendiges wird gemacht, auch wenn es z.B. durch die DRG- oder Tarmed-Erlöse nicht abgedeckt ist. Und was medizinisch notwendig ist, also die Standards der Leistungserbringung, entscheiden die Fachleute: Ich habe es immer so formuliert: „Am Bett soll der Rechenschieber keine Rolle spielen.“ 

Insofern dient die Organisation der Profession und nicht umgekehrt, weswegen manche (z. B. Mintzberg) von „Professional Organizations“ (oder eben Expertenorganisationen) sprechen. Die Expertinnen und Experten erwarten, dass die Organisation die entsprechenden finanziellen, personellen und räumlichen Ressourcen bereitstellt, damit die Leistungen entsprechend ihren fachlichen Standards erbracht werden können. Insofern „führen die Expertinnen und Experten die Führung“ bzw. „wirken auf sie ein“. Führung steht nicht über den fachlich-operativen Prozessen und kann Entscheidungen der Fachleute kaum oder nur „schwer“ überstimmen. 

Ich habe mein Verständnis von Führung und meine langjährigen Erfahrungen im Herbst 2017 in einem Senior Executive Seminar für die Rektorinnen und Rektoren von Schweizer Hochschulen zusammengefasst:
     
 
 
C Lehrtätigkeit
 
Fachhochschule Zentralschweiz
Hochschule für Wirtschaft

Nachdiplomstudium Sozialversicherungsmanagement
1998 – 2003: Lehrveranstaltung Recht
Master of Advanced Studies Social Insurance Management
ab 2008: Fachrat

         
Universität Freiburg i.Ue.
Departement für Sozialarbeit und Sozialpolitik, Deutschsprachiger Lehrstuhl
Studium der Sozialarbeit und der Sozialpolitik

Studium der Sozialarbeit und Sozialpolitik
2003 - 2004: Lehrveranstaltung Rechtliche Aspekte im Kontext der Sozialpolitik
2004 - 2005: Lehrveranstaltung Sozialwesen Schweiz - Ziele und Inhalte (pdf 32 KB)
2005 - 2006: verschiedene Aspekte und Module in Lehrveranstaltungen Sozialstaat und Sozialpolitik

 

Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften
Departement Soziale Arbeit

CAS Soziale Gerontologie
ab 2007: Lehrveranstaltung im Modul Sozial-, gesundheits- und wirtschaftspolitische Perspektiven